Entstehungsgeschichte

Als ich 1965 als Kameramann und Cutter beim Film „Ursula oder das unwerte Leben“ mitarbeitete, lernte ich die 14-jährige Ursula kennen. Ein rätselhaftes menschliches Wesen, das mich sofort in seinen Bann zog.

Zur ersten Begegnung mit Ursula war es so gekommen: Reni Mertens und Walter Marti drehten zusammen mit dem Kameramann Hans Peter Roth anfangs der 60er-Jahre Aufnahmen mit der damals prominenten, inzwischen längst als Pionierfrau der Heilpädagogik anerkannten und mit dem Ehrendoktortitel der Universität Zürich ausgezeichneten Mimi Scheiblauer (1891–1968). Sie hatten der weit über sechzigjährigen, energischen Frau bei ihrer musikalisch-rhythmischen Arbeit mit unterschiedlich behinderten Kindern zugeschaut.

Unter Mimi Scheiblauers Kindern war auch ein in sich versunkenes, hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren, schönen grossen Augen und wohlgeformten Ohren. Doch das kleine Mädchen, das aussah wie vier, war damals in Wirklichkeit bereits 12-jährig, und von Geburt an taubblind. Zusammen mit Reni Mertens und Walter Marti entschlossen wir uns, mit ihr und ihrer Pflegemutter zusätzliche Aufnahmen zu drehen und diese mit dem bestehenden Material zu einem Dokumentarfilm zu montieren.

Im Herbst 1966 fand die Première im Zürcher Kino „Bellevue“ statt. „Ursula oder das unwerte Leben“ wurde zu einem unerwartet grossen Erfolg in den Kinos der Deutschschweiz.

Im Frühling 2009 besuchte ich Ursulas Pflegemutter Anita Utzinger und es gab eine erste Wiederbegegnung mit der bald 60-jährigen Ursula, die nichts hört, nichts sieht und höchstens dann und wann einen undefinierbaren Laut von sich gibt. Damals wie heute ein grosses Rätsel, das auch ein Geheimnis in sich schliesst,  etwas Traumwandlerisches, dem nur menschliche Zuwendung folgen kann.

Davon berichtet „Ursula – Leben in  Anderswo“. Und von ein paar Dingen mehr im Zusammenhang mit dem Wert des Lebens, 46 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Menschen, die den Schwächsten in unserer Gesellschaft ihre Menschlichkeit entgegenbringen – und dafür etwas zurückbekommen, das auch nur in Menschlichkeit zu bemessen ist.  

Rolf Lyssy, August 2011

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